Online-Journalismus

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„Always online”

„Das ist das Ufo”, erklärt der Mann mit der runden Brille und dem grauen Anzug. Sein Outfit harmoniert perfekt mit der modernen Einrichtung in Grau, Rot und Weiß. Die Rede ist von dem kreisförmigen Newsdesk mitten im Großraumbüro der Münchner Abendzeitung (AZ). Am runden Tisch trifft sich ein Mal pro Tag die dreiköpfige Online-Redaktion zur Themen-Konferenz. Einer von ihnen ist Stephan Kabosch: Seit Januar 2008 leitet der 45-Jährige die Online-Redaktion der AZ.


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Im Podcast gibt Stephan Kabosch Tipps für angehende Online-Journalisten
Sprecherin: Tania Rolus


An seinem Arbeitsplatz zwischen dem Sportressort der Print-Redaktion und der offenen Garderobe produziert er täglich zwischen acht und 19 Uhr den aktuellen Inhalt der Website. Bei wichtigen Ereignissen auch außerhalb der regulären Arbeitszeit. Unterstützt wird Kabosch dabei von einer Reihe von freien Mitarbeitern, zwei Volontären und einem Praktikanten. Sein Team ist ständig auf der Jagd nach den neuesten Ereignissen. Kabosch lächelt verschmitzt. „Man könnte fast sagen: Nichts ist so alt wie die Zeitung von heute!”

Von Chefallüren gibt es bei ihm keine Spur. Ganz im Gegenteil: Sein Schreibtisch unterscheidet sich kaum von dem seiner Kollegen. Insgesamt nimmt der Onlinebereich nur einen winzigen Teil der riesigen Bürofläche ein. „Die Redaktion ist verhältnismäßig klein”, verrät Kabosch, „wir können uns das leisten, weil bei der Abendzeitung Print und Online sehr eng miteinander vernetzt sind”.

Traumjob Online-Journalist

Die Onliner sind immer auf dem neuesten Stand, was die Nachrichten aus der Region und aller Welt betrifft. Von der Decke rund um das „Ufo” hängen große Flachbildschirme herab und versorgen die Redaktion laufend mit aktuellen Informationen von Fernsehanstalten wie N24. Zudem sind auf ihnen die Seite der Abendzeitung sowie eine Statistik über die Anzahl der Klicks abrufbar.

Doch eine gute Recherche ist nur die halbe Miete. Die Informationen wollen auch user- und textgerecht aufbereitet werden – und das muss gelernt sein. „Entscheidend ist auch im Onlinebereich eine grundlegende Ausbildung im Journalismus”, weiß Kabosch. Deshalb hat der gebürtige Tiroler parallel zu seinem Jura-Studium eine Redakteursausbildung bei der Tiroler Tageszeitung in Innsbruck absolviert. Nach seiner Promotion im Völkerrecht arbeitete der Jurist zunächst als außenpolitischer Redakteur, bevor er im April 2000 zu dem privaten Fernsehsender N24 nach München wechselte und dort die Multimedia-Redaktion mit aufbaute.

Nach dem Einstieg in den Online-Journalismus leitete Kabosch von Februar 2005 bis Dezember 2007 das Landesbüro München der Netzeitung. „Mich fasziniert am Online-Journalismus die Unabhängigkeit von festen Produktionszeiten und -orten”, schwärmt Kabosch. Außerdem schätze er am Internet die Nähe zum User durch die direkte Feedback-Möglichkeit. Kommentare zu seinen Artikeln oder zum Online-Auftritt beantwortet der Chef deshalb auch gerne persönlich.

Aktualität und Ruhe sind das, was zählt

Thematisch stehen am heutigen Donnerstag mehrere Gerichtsprozesse an. Obwohl alle konzentriert arbeiten und vier Redakteure am runden Tisch im „Ufo” diskutieren, ist es bemerkenswert ruhig. Die Online-Redaktion ist im Moment mit zwei Kollegen nicht voll besetzt. Doch hier arbeiten alle zusammen. Das Abnehmen von Inhalten gehört genauso zu Kaboschs Aufgaben wie das Erstellen von eigenen Beiträgen. Außerdem checkt jeder Online-Redakteur ein Mal pro Tag sämtliche Rubriken auf ihre Aktualität und beobachtet die User-Zugriffe auf die einzelnen Texte.

Als Leiter der Online-Redaktion sieht sich Kabosch als Schnittstelle zwischen Internet und Print. „Vieles geschieht in enger Abstimmung mit den Printkollegen”, erklärt er die Arbeitsweise seiner Redaktion. So arbeiten die Online-Volontäre während ihrer zweijährigen Ausbildung auch für vier Monate im Printbereich.

An Web 2.0 kommt keiner vorbei

Der Online-Redakteur Stephan Kabosch hat sich bei seiner Arbeit auf Suchmaschinen-Optimierung und bewegte Bilder spezialisiert. Er verfolgt zwar von Berufs wegen das „Gezwitscher” bei Twitter und pflegt sein persönliches Profil bei Xing. Abgesehen vom Blog der Abendzeitung ist aktives Bloggen für Kabosch jedoch kein Thema. „Ich bin vielleicht nicht der Typ dafür, jedenfalls nicht, wenn es darum geht, das Private ins Öffentliche zu tragen”, sagt er mit einem geheimnisvollen Lächeln.

Denn tatsächlich haben die vielfältigen Möglichkeiten des Networkings im Cyberspace inzwischen auch Stephan Kabosch gepackt. Als nächstes will sich der 45-Jährige, der nach eigenen Angaben „always online” ist, ein Profil bei Facebook anlegen.

Nora Reim und Jasmin Jobst

Stephan Kabosch

Stephan Kabosch
Foto: AZ/Zimmermann